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Vom Grün zum Braun: Wenn Politik verdorrt

Was einmal grün war, wird erst gelb und dann braun. Dieser Satz beschreibt längst nicht nur den Herbst, sondern unser politisches Klima. 

Erst war da Hoffnung. Dann kam Müdigkeit. Und jetzt wächst Wut im Schatten. Immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen – nicht, weil sie von Natur aus rechts wären, sondern weil sie sich nicht gesehen, nicht gehört und nicht ernst genommen fühlen.

Demokratie bricht selten durch einen Putsch zusammen. Sie zerfällt schleichend. 

Erst bleichen Überzeugungen aus, dann werden Entscheidungen beliebig, und am Ende greift Zynismus um sich. In das Vakuum der Bedeutungslosigkeit drängen die Lauten, Vereinfacher und Brandstifter. Braun entsteht nicht aus Überzeugung, sondern aus Leere.

Wenn Politik nur noch mit Macht verwaltet, statt gestaltet, wenn Parlamente sich wie Bühnen im Karneval anfühlen und nicht wie Werkstätten, wenn Bürger zu Statisten auf Zuschauerplätzen werden, darf man sich über die Konsequenzen nicht wundern. 
Wer der Gesellschaft die politische Wärme entzieht, der erntet Kälte. Und in kalter Luft gedeiht der Radikalismus besser als die Vernunft.

Die gute Nachricht ist: Dieser Prozess ist kein Naturgesetz. Ein Blatt hat keine Wahl. Eine Gesellschaft schon. Aber dafür reicht keine moralische Empörung und kein symbolisches Dauerentsetzen. 

Demokratie braucht echte Beteiligung, offene Auseinandersetzungen und den Mut, Konflikte auszutragen, statt sie zu verbieten und auszumauern. Der antifaschistische Schutzwall war auch nicht von Dauer. 

Demokratie ist nichts, was man konsumiert. Sie ist etwas, das man tut. Wer nicht mitgestaltet, bekommt irgendwann genau das System, das er am meisten fürchtet.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie konnte es so weit kommen?
Sondern: Wie lange wollen wir noch zuschauen, bis alles endgültig braun geworden ist?

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