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Freies Denken, freies Sprechen, freies Schreiben

Der Reformationstag erinnert uns daran, dass Erneuerung nicht von Instutionen ausgeht, sondern vom Gewissen und Handeln des Einzelnen.

Als Luther seine Thesen an die Kirchentür schlug, tat er es nicht aus Trotz, sondern aus Verantwortung.
Er folgte dem, was stärker war als Furcht: dem eigenen Denken.
Dieser Geist der Selbstprüfung, des Mutes und der inneren Freiheit ist zeitlos – und er fehlt uns heute mehr denn je.
Freiheit ist kein Geschenk. Sie entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen – für sich, füreinander, für das, was sie denken, sagen und schreiben.
So beginnt jede demokratische Republik: nicht im Parlament, sondern in den Köpfen und Herzen der Bürger.
Freiheit ist kein Zustand, sie ist eine tägliche Übung – und Bildung ist ihr Werkzeug.

Freies Denken

Drei Jahrzehnte lang habe ich als Rechtsanwalt gearbeitet. Ich glaubte an das Recht, an Ordnung, an die Idee, dass Paragraphen die Welt gerechter machen können.
Doch mit den Jahren erkannte ich: Recht schafft keine Gerechtigkeit, wenn das gemeinsames Denken im Gerichtssaal gefangen bleibt.
Freiheit beginnt dort, wo man wieder selbst zu denken wagt – jenseits von Anweisungen, Ideologien und institutionellen Ängsten.
Diese Erkenntnis hat mich aus dem Gerichtssaal in die Schule geführt.
Ich wollte dorthin, wo Denken noch kein Privileg ist, sondern ein natürlicher Drang: zu verstehen, zu fragen, zu gestalten.
Denn ein Kind, das selbst denkt, ist der freieste Mensch, den es gibt.
So wächst aus dem Klassenzimmer heraus das, was jede Demokratie im Innersten braucht: Menschen, die sich nicht bevormunden lassen, sondern denken, um gerecht zu handeln.

Freies Sprechen

Meine Arbeit am Regionalgeld war ein Versuch, Menschen wieder ins Gespräch zu bringen – über Werte, Verantwortung und Vertrauen.
Es ging nie nur ums Geld und seine Technik, sondern um das Wort: darum, dass man miteinander spricht, statt übereinander zu urteilen, dass wieder zusammen gehandelt wird.
Als wir in jenen Jahren eigene Scheine druckten, war das nicht nur Wirtschaft, sondern Pädagogik.
Wir übten Demokratie. Wir lernten, dass man Eigentum teilen und trotzdem gewinnen kann – an Würde und an Bewusstsein.
Auch im Klassenzimmer ist das freie Sprechen ein Akt der Befreiung.
Wenn Kinder ihre Gedanken laut aussprechen dürfen, wenn sie Fragen stellen, Fehler machen und trotzdem ernst genommen werden, dann wird Sprache zu einem Werkzeug der Wahrheit.
Freies Sprechen ist der Atem der Bildung – und zugleich der Pulsschlag für eine demokratie Republik.
Denn ohne das offene Wort stirbt jede Gemeinschaft leise an Gleichgültigkeit.

Freies Schreiben

Heute, als Lehrer, sehe ich, wie Kinder durch das Schreiben die Welt erobern.
Ein leerer Zettel kann ein Stück Freiheit sein – wenn man ihn mit eigenen Worten füllt statt mit fremden Vorgaben.
Das Schreiben lehrt Verantwortung: für die eigenen Gedanken, für die Sprache und für den Ton.
Es ist der stillste, aber tiefste Akt des Widerstands gegen Gleichgültigkeit.
In meiner Klasse liegt für jedes Kind ein Geschichtenheft bereit.
Darin üben sie das freie Schreiben – erzählen, was sie bewegt, malen mit Worten, was sie sehen, und finden dabei ihren eigenen Klang.
Hier dürfen Gedanken wachsen, Bilder entstehen und Sprache lebendig werden.
Kein Text gleicht dem anderen, und doch entsteht aus vielen Stimmen ein gemeinsamer Raum des Verstehens.
Ich erinnere mich oft an den Kleinbahnhof Güsen – jenen Ort, an dem Geschichte und Gegenwart einander berühren.
Was einst ein technisches Bauwerk war, wurde für mich zum Symbol:
Freiheit entsteht nicht durch große Umstürze, sondern durch Menschen, die scheinbar Alltägliches mit Sinn erfüllen.
Dort habe ich verstanden, dass Bildung nicht das Erlernen von Regeln ist, sondern das Gestalten von Sinn und Verantwortung – das Fundament jeder demokratischen Republik.

Schlussgedanken zum Reformationstag 2025

Am Reformationstag feiern wir keine Religion, sondern den Mut zur Wahrheit.
Er erinnert uns daran, dass eine Gesellschaft nur dann lebendig bleibt, wenn Menschen bereit sind, selbst zu Denken.
Freies Denken, freies Sprechen, freies Schreiben – das sind die Werkzeuge einer friedlichen Reformation.
Jede Lehrerin, jeder Vater, jede Schülerin kann sie heute gebrauchen, um unsere Demokratie neu zu beleben.
„Freiheit ist kein Geschenk des Staates. Sie ist das Werk des Menschen.“
Vielleicht ist genau das der Sinn der Reformation:
Nicht nacherzählen was Kirche, Staat und öffentlich rechtliche Medien vorgeben, sondern im eigenen Denken zu beginnen – damit aus Bildung wieder Freiheit wird und aus Freiheit Verantwortung.

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